"Feuerwalzer"

Es ist schon einige Zeit her: Ich war in der Fußgängerzone unserer Stadt unterwegs. Es war mächtig viel los und die Menschen eilten geschäftig durch die Straßen und Gassen.

Mitten in diesem hektischen Treiben fiel mir eine ca. 80 Jahre alte Frau auf. Sie saß einsam auf einer Bank, sprach mit sich selbst und weinte. Ich setzte mich neben sie und fragte, ob ich ihr helfen könne. Sie sah mich durch einen Tränenschleier an, reckte ihre geballte Faust gen Himmel und rief: „Warum holst Du mich nicht? Warum muss ich hier bleiben, obwohl Du mir meinen geliebten Mann schon vor Jahren genommen hast? Ich will zu Ihm. Hol’ mich endlich hier ab. Ich bin so einsam und so müde. Ich hab es so satt, von Dir ignoriert zu werden. Ich bin doch schon lange dran, warum willst Du mich denn nicht?“

Danach sackte Sie in sich zusammen und erzählte mir von sich, von ihrem Mann und wie lange er schon fort ist. Wie sehr sie der Umstand, noch immer nicht gehen zu dürfen, Tag für Tag quält. Dass sie jeden Morgen mit dem Gedanken aufwacht: „Er hat mich schon wieder nicht zu sich geholt. Was hab’ ich denn verbrochen, dass ich nicht gehen darf?“

Ich liess sie weiter reden, bis alles aus ihr heraus war. Dann nahm sie meine Hand in die Ihre, lächelte mich müde an und dankte mir dafür, dass ich ihr zugehört hatte.

Das passierte im November 2012. Ob die einsame alte Frau zwischenzeitlich endlich bei ihrem so schmerzlich vermissten Mann angekommen ist, weiss ich nicht, denn ich hab sie nie wieder gesehen - doch aufgrund dieser Begegnung mit ihr und ihrem Schmerz ist der „Feuerwalzer“ entstanden.